Moderne Typen, Fantasten und Erfinder: gro§e PlŠne!

Zur angewandten Moderne in Sachsen

sachsen-anhalt 1919 - 1933

Projekt der Stiftung Bauhaus Dessau im Verbund mit Partnerinstitutionen in ganz Sachsen-Anhalt. 

diese vertiefen und erweitern die in der Dessauer Ausstellung aufgezeigten Perspektiven zur angewandten Moderne 1919-1933

www.grosse-plaene.de

Claudia Perren (Direktor, Stiftung Bauhaus), Thorsten Blume und Alexia Pooth (wiss. Mitarbeiter)


Zusammenfassung

Bereits vor dem 1. weltkrieg nahm die mitteldeutsche industrieregion mit 


eine rasante entwicklumg. technische innovation ermšglichten die intensivierung bestehender und die etablierung neuer industrien, z.b. durch die entwicklung des farbfilms in den agfa-werken in wolfen und die erfindungen zur verwertung von aluminium, das sowohl als werkstoff fŸr den leichtmetallflugzeugbau bei junkers & co, als auch fŸr qualitativ hochwertige, gleichzeitig seriell produzierbare und somit fŸr die bevšlkerung erschwingliche produkte diente. magdeburg etablierte sich als bedeutender ort der schwerindustrie. weitere industriestandorte entstanden , u.a. in leuna, buna, merseburg und sangerhausen. der technologische und wirtschaftliche aufschwung bot zudem nŠhrboden fŸr die entwicklung kŸnstlerischer und kreativer avantgarden, die sich nach der katastrophe des 1. weltkriegs zur vollen blŸte entfalteten.


Dem wirtschaftlichen aufbruch und dem glanz der 1920er jahre standen gravierende, mit der industrialisierung und dem sozialen strukturwandel einhergehende gesellschaftliche probleme gegenŸber. der gro§e bevšlkerungszuwachs in den stŠdten, die daraus resultierende wohnungsnot und -verursacht durch die extremen kojunkturkrisen der weimarer republik- das neue phŠnomen der massenarbeitslosigkeit fŸhrten zu zunehmender politischer radikalisierung. diesen problemen stellten sich fortschrittliche politiker, unternehmer, wissenschaftler, kŸnstler und pŠdagogen entgegen und ermšglichten einzigartige wirtschaftliche und gesellschaftliche entwicklungen. an vielen orten des heutigen sacnsen-anhalt wurden technischer fortschritt, reformwille, soziale kompetenz, kŸnstlerische kreativitŠt und der mut zu innovation zu wirkmŠchtigen hebeln gesellschaftlicher und kŸnstlerischer erneuerung und zu effektiven instrumenten des krisenmanagements.


In unserer region ergriffen weitblickende bŸrgermeister wie richard robert rive in halle und fritz hesse in dessau frŸh wegweisende ma§nahmen. stadtbaurŠte, stadtplaner und architekten wie walter gropius und hannes meyer in dessau, karl barth in leuna, bruno taut, johannes gšderitz und carl krayl in magdeburg sowie friedrich zollinger in merseburg fanden hervorragende lšsungen fŸr die neuen architektonischen aufgabenstellungen. hier wurden gesellschaftsreformierende konzepte entwickelt und umgesetzt, die bis heute nachwirken. dafŸr stehen nicht nur die gartenstŠdte leuna, pieseritz und magdeburg reform. an den ausbildungsstŠtten fŸr kunst und gestaltung wie der 1915 gegrŸndeten kunsthochschule burg giebichenstein, der magdeburger kunstgewerbe- und handwerksschule und ab 1925 am bauhaus in dessau sind meilensteine auf dem gebiet des produkt- und kommunikationsdesigns gesetzt worden und gro§e plŠne ersonnen worden.


Die zahlreichen zeugnisse, die das historische zusammenspiel wirtschaftsorientierter, tec hnologischer, sozialer und kœnstlerischer krŠfte hinterlie§, weisen sachsen-anhalt als Êland der moderne aus. die landesregierung hat sich der aufgabe angenommen, das kulturerbe der moderne mit besonderer aufmerksamkeit zu pflegem, und dafŸr erhebliche finanzmittel bereitgestellt.


Vorwort

Es waren 


die in den jahren zwischen 1919 und 1933 mit ihren experimenten 


die entwicklung der moderne im heutigen sachsen-anhalt prŠgten. dessau, halle magdeburg, leuna, merseburg: durchweg arbeiteten frauen und mŠnner daran, das leben , wohnen, arbeiten und vergnŸgen fŸr den neuen, gesunden, mobilen, sportlich und modisch bewussten menschen zu gestalten. das damit verbundene Êbewusstsein, "modern" zu sein, wurde als credo in bŸchern, zeitschriften und plakaten publik gemacht. wegweisende erfindungen, wie 


prŠgten das bild des zeitgeschehens, wŠhrend parallel der "bubikopf" modern wurde und das thema der selbstversorgung durch den eigenen garten eine gro§e rolle spielte.


das bauhaus dessau stand also nicht solitŠr, sondern war teil eines ebensp zeittypischen wie rŠumlich besonderen strukturwandels. dieser ist heute allerdimgs oft nur besonders Interessierten bekannt. grŸnde hierfŸr sind u.a.. die avantgardeverfemung wŠhrend des nationalsozialismus und die geschichtsschreibung der ddr.


... wŠhrend der weimarer republik entwickelte sich die preussische provinz sachsen angesichts relativer škonomischer, politischer und sozialer stabilitŠt zu einer modernen industrieregion, in der kŸnstlerisch-gestalterische kreativitŠt und wissenschaftlich-technischer fortschritt einhergingen.


verantwortlich dafŸr waren die politischen und sozialen errungenschaften der zeit, d.h.


die moderne zeigte sich als ein dynamischer geistiger wie konstruktiver zugang auf die welt, als eine art und weise des erfahrens und denkens des ichs in der welt (losungswort: der neue mensch, geprŠgt durch die verschiedenen sozialistischen, lebensreformerischen, konstruktivistischen und neoromantischen stršmungen der zeit. moderne nicht bloss als stil, sondern als eine multiperspektivische denkart und erfahrensweise. 


personen


Adolph Meyer

Der zweite Mann - ein Architekt im Schatten von Walter Gropius

Ausstellung zum 75-jŠhrigen GrŸndungsjubilŠum des Bauhauses 1919/1994

27. MŠrz bis 29. Mai 1994

von Annemarie Jaeggi

argon, 1994

Seite 31

J.L.M. Lauweriks gelangte durch das studium primitiver au§ereuropŠischer kulturen zur Ÿberzeugung, da§ jede der alten hochkulturen -assyrien, Šgypten, china, peru, mexiko oder japan- durch ihre religion einen begriff von der kosmischen ordnung gehabt und diese in ihrer kunst zum ausdruck gebracht hŠtten. auch der griechischen und ršmischen kunst , den vom christentum geprŠgten perioden des byzantinismus, der romanik, gotik und renaissance schrieb er diesen geistigen gehalt zu, der allerdings in der frŸhzeit der epochen (z.b. archaik, frŸhgotik, protorenaissance) noch ein originŠrer ausdruck gewesen, bei fortschreitender zivilisation dagegen zu leerer, formaler spielerei verkommen sei. im laufe des 19. jahrhunderts gingen die kenntnisse der kosmschen ordnung und damit der innere wert der kunst verloren, stilimitation trat ein. lauweriks sah in den monumenten vorangegangener epochen den gšttlichen naturplan durch die anwendung universaler kŸnstlerischer prinzipien, durch gebrauch einfacher geometrischer figuren und proportionen ausgedrŸckt. hšheren ideen entspreche nicht die naturalistische weise der wiedergabe, sie kšnnten nur abstrakt, durch elementare formen und geometrische mittel dargestellt werden. dadurch erhalte das kunstwerk einen von seiner grš§e unabhŠngigen monumentalen charakter, der sich durch eine universelle, ruhige schšnheit auszeichne.


... grundlage seines glaubens an eine metaphysisch verbŸrgte ganzheit bildet deutlich eine auf dem gedankengut des neo-platonismus aufbauende wesensphilosophie.


Seiten 68 - 69

ihre wichtigsten impulse hatten walter gropius und adolf meyer von peter behrens, bzw. dem dŸsseldorfer umkreis der kunstgewerbeschule erhalten. bei behrens lernten sie als eine der wichtigsten voraussetzungen fŸr ihre spŠtere arbeit die anwendung sowohl kŸnstlerischer prinzipien auf industrieprodukte als auch serieller mšglichkeiten auf die architektur kennen. ausgehend von einfachsten, durchaus symbolisch gedachten formen und stereometrischen kšrpern sowie -auf architektur bezogen- klar und zweckmŠ§ig organisierten grundrissen, mu§ ferner die harmomische strukturierung eines entwurfs unter zuhilfenahme orthogonaler rastergebilde und bestimmter proportionsschlŸssel als grundlegende entwurfliche vorgehensweise von gropius und meyer betrachtet werden. Ê


Theoretische Fundamente

"aufgabe der kunst", so formulierte gropius im jahr 1911, "ist die darstellung hšherer transcendentaler ideen mit materiellen ausdrucksmitteln, die der sinnlichen welt des raums und der zeit angehšren." der kŸnstler strebt deshalb danach, seine formen in dichterischer Ÿbertreibung mit geistigem stoff zu fŸllen, um dem beschauer die ihn leitende grundidee zu offenbaren. ... gropius erblickte den grundton der zeit gleich seinem lehrer behrens in der gesellschaftsverŠndernden macht des handels, der technik und des verkehrs, aber auch in der lšsung der sozialen frage. sein leitgedanke bildete die stilbildende kraft der industrie, "die hšhere idee der weltwirtschaftlich gerichteten modernen arbeit." gropius sah sogar "anzeichen vorhanden, da§ die industrie durch zusammenschlu§ vieler einen ebenso starken einflu§ auf die entwicklung einer neuen kultur ausŸben wird, ... wie frŸher der dynastische einzelwille eines herrschers." Êden industriebauten falle die bedeutung zu, trŠger und wegbereiter eines neuen, dem modernen zeitalter entsprechenden "monumentalen stils" zu werden: "den bauten der industrie wohnt eine gewisse ursprŸnglichkeit und mŠchtigkeit von hause aus inne. wucht, strenge und knappheit entsprechen dem organisierten arbeitsleben, das sich darin abspielt. sie besitzen vorbedingungen zur monumentalitŠt."


Seite 71

gropius schrieb der kunst, vor allem der baukunst, eine erzieherische funktion zu, die soweit reichen konnte, da§ sie letztendlich zur befriedung der arbeiterklasse und damit zur Ÿberwindung sozial bedingter konflikte beitragen konnte.


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Version: 9.6.2018

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Joachim Gruber